Mach es für die Reichweite!

Schon seit einiger Zeit soll der Blog von arthistoricum.net neu belebt werden. Hubertus Kohle, Professor für Kunstgeschichte am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München, suchte hierfür in den letzten Wochen immer wieder Mitstreiter, die Interesse haben, im Blog zu publizieren. Der Blog ist renommiert (oder soll es werden) und bietet den Gastautoren eine tolle Reichweite (theoretisch). Eine großartige Chance für Nachwuchswissenschaftler, oder?


 

Einen Nerv getroffen

Als Kohle am 10. September 2017 twitterte „wo sind eigentlich all die leute, die beim #dahblog mitschreiben wollten?“, kam es (nicht zum ersten mal) zu einer Debatte. Kohle meinte den Tweet, im Gegensatz zu seinen ersten Beteiligungs-Aufrufen, diesmal lediglich als Erinnerung an diejenigen, die in der Vergangenheit wohl bekundet hatten, kostenfrei Gastbeiträge zu liefern. Bereits die Nachfrage nach Gastautoren in der Vergangenheit und die Reaktionen darauf bei Twitter, hätten Kohle aber einen Hinweis darauf geben können, dass sein Erinnerungs-Tweet zum Thema gratis-Content wieder einen Nerv treffen würde.

Was folgte, war eine Twitter-Debatte, bei der eine Reihe an Akteuren mit unbefristeten Stellen am oberen Ende der Nahrungskette in der Wissenschaft (und einem nicht allzu geringem Einkommen), auf verschiedene Akteure trafen, die ehemals im Wissenschaftsbetrieb tätig waren oder es heute noch sind – allerdings i.d.R. nur mit befristeten Stellen oder Lehraufträgen und einer oft nicht üppigen Bezahlung. Der ehemalige oder noch aktive wissenschaftliche Nachwuchs merkte an, dass es etwas befremdlich erscheint, nach kostenfreier Leistung zu fragen und stellte zur Diskussion, warum es eigentlich nicht möglich ist, für seine Arbeit auch bezahlt zu werden.

 

arthistoricum und DFG

Dazu muss man wissen, dass es sich beim erwähnten Blog um einen Bereich von „arthistoricum.net – Fachinformationsdienst Kunst, Fotografie, Design“ handelt. Im Rahmen des DFG-Programms „Fachinformationsdienste für die Wissenschaft“ bauen die beiden Partnerbibliotheken UB Heidelberg und SLUB Dresden ihre bestehenden Angebote zu einem gemeinsamen Fachinformationsdienst Kunst, Fotografie und Design aus. „Ziel ist, noch stärker als bisher maßgeschneiderte Angebote für die kunsthistorische Fachcommunity zu entwickeln“, wie es auf der Website des Projektes heißt.

Warum ein von der DFG gefördertes Projekt keine Mittel hat, um Autoren für ihre Arbeit zu bezahlen, ist eine Frage, die nicht allzu weit her geholt ist. Für die Zielgruppe relevante Inhalte im Blog generieren einen Mehrwert für das Portal, sie sorgen nämlich für Klicks und damit für Reichweite, was eine Steigerung der Bekanntheit von arthistoricum.net zur Folge hätte. Wenn hier also nur damit geworben wird, dass Autoren die Reichweite des Blogs zur Steigerung ihrer eigenen Bekanntheit nutzen könnten und ihnen das Lohn genug sein sollte, dann wurde hier nur in eine Richtung gedacht.

 

Reichweite, cui bono?

Die Frage, welche Seite von wessen Reichweite letztendlich profitiert, lässt sich schnell beantworten, wenn man sich den Blog von arthistoricum.net ansieht. Die Beiträge haben hier nämlich einen Zähler, der Einblick in die Aufrufe gibt. Die Aufrufe der Beiträge für 2017 liegen bisher jeweils durchschnittlich im unteren bis mittleren dreistelligen Bereich. Ob diese Reichweite Gastautoren wirklich als Gegenleistung für ihre Arbeit ausreicht?

Darüber, welchen Stellenwert non-peer-review Online-Publikationen in den Geisteswissenschaften einnehmen, wurde bereits ausführlich diskutiert (z.B. von Karoline Döring: Wissenschaftsblogs als Publikationsorte – Ein von den Geisteswissenschaften noch zu wenig genutztes Potential?). Letztendlich gibt es heute eine Vielzahl an Möglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler, ihre Arbeit online zu publizieren, beispielweise in einem eigenen Blog bei Hypotheses, einem Blogportal für Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch bei einer Reihe an etablierten Wissenschaftsblogs als Gastautor.

Wenn arthistoricum.net einen Anreiz schaffen will, dass Gastautoren hier und nicht dort publizieren, muss sich der Blog von anderen Online-Publikationsorten unterscheiden. Eine ähnliche Reichweite haben viele, ähnlich anerkannt (oder auch nicht) im Wissenschaftsbetrieb sind ebenfalls einige. Ein Honorar zu zahlen für kunstwissenschaftliche Beiträge, die letztendlich die Bekanntheit des Portals arthistoricum.net erhöhen und für Reichweite sorgen, wäre da ein Anfang.

Und nein, es geht den potenziellen Autoren von Gastbeiträgen nicht darum „vom Schreiben leben zu können“. Zumindest nicht vom Schreiben für Wissenschaftsblogs. Dass dies eine Utopie wäre, dürfte jedem klar sein. Es geht darum, nicht gratis für andere zur arbeiten, wenn man es sich selbst weder zeitlich noch finanziell leisten kann.

 

Postscriptum

Im Dezember 2015 wurde ich zu einem Workshop eingeladen, der im Februar 2016 in der Universitätsbibliothek in Heidelberg stattfinden sollte. Ziel des Workshops sollte die Vorbereitung eines neuen Förderungsantrags für arthistoricum.net sein. Dazu sollte „in einem Kreis aus Fachleuten“ die Möglichkeit besprochen werden, das Angebot im Bereich der Online-Publikationen sowie deren Präsentation in den sozialen Medien auszubauen und zu verbessern. Angefragt wurde also eine Beratungsleistung – jedoch ohne Honorar. Lediglich die Anreise per Bahn (2. Klasse) und zwei Übernachtungen sowie ein Abendessen wären übernommen worden.

Ich hätte mir für die Teilnahme an diesem Workshop theoretisch drei Tage Urlaub nehmen können und gratis eine Beratungsleistung ausführen können, die ich hauptberuflich von 2011 bis 2013 im Wissenschaftsbereich und seit 2013 in einem Unternehmen und für dessen Kooperationspartner ausübe. Es wäre sicherlich möglich gewesen, dies ehrenamtlich zu tun und mein Fachwissen sowie meine Berufserfahrung einzubringen. Stattdessen habe ich mich jedoch dagegen entschieden, meine Arbeitsleistung und meine Urlaubszeit kostenfrei einem DFG-geförderten Projekt zur Verfügung zu stellen. Ein Ehrenamt muss man sich finanziell und zeitlich leisten können. Ich kann es nicht.


Header-Bild: Angelika Schoder – London, 2017

3 Gedanken zu „Mach es für die Reichweite!

  1. Pingback: Wenn Kunst auf IT trifft ... - in arcadia ego

  2. Karoline Döring Antworten

    Danke, Angelika, für diesen Beitrag! Er spricht mal wieder einen wichtigen Punkt an, wo es auch im Wissenschaftsbetrieb hakt. Überhaupt hat mich die Diskussion ziemlich zum Nachdenken angeregt. Es wurde zum Teil mit ziemlich harten Bandagen gekämpft, aber prinzipiell sachlich argumentiert. Dass man sich auch auf Twitter nicht immer mit Samthandschuhen anfassen muss, finde ich auch richtig, vor allem, wenn es um ein solch kontroverses Thema geht. Schade finde ich dagegen, dass sich die „behauene“ Partei nicht selbst wieder zu Wort gemeldet hat und dies Fürsprechern, die sich freiwillig eingeschaltet haben, überließ. Eine kurze klärende Reaktion von H. Kohle hätte etwas Schärfe herausgenommen. Wie ich ihn einmal als Zuhörerin auf einer Tagung wahrgenommen habe und bei Twitter verfolge, war der Ausgangstweet wohl eher ein Schnellschuss, dessen Konsequenzen für ihn nicht absehbar waren. Auch für mich nicht, denn ich habe die Brisanz des Themas „unentgeltliches Schreiben für DFG-geförderte Blogs“ erst durch die Diskussion und Eure Einwände erfasst.

    Jetzt überlege ich, ob es diese Schärfe oder besser den Nachdruck der einen Seite nicht sogar unbedingt braucht. Ich denke ja, aber woanders! Zuerst fand ich auch nichts dabei, sah wie andere den Tweet harmlos als Einladung, der man folgen kann oder auch nicht. Dass Kohles Ton etwas beleidigt-verärgert klang – als hätten sich vorher schon viele gemeldet und sich dann nachher aus der Verantwortung gestohlen – ist bei einem Schnellschuss über Twitter gut verzeihlich. Wer noch nie einen Grant über Twitter los wurde und sich nachher gefragt hat, ob er/sie das nun wirklich allen erzählen wollte, werfe den ersten Stein! Problematisch wurde meines Erachtens die Sache und damit auch die Diskussion erst, als der konkrete Vorwurf „bezahlter Prof ruft zur Gratisarbeit auf“ im Raum stand. Als Vorwurf ad personam kann ich mich aus der o. g. Überlegung nicht anschließen. Dafür stimme ich aber vollkommen dieser Idee zu: Es sollten in Zukunft für Projekte, bei denen Schreibleistung grundlegender Bestandteil ist, auch Mittel für Honorare/Aufwandsentschädigungen mitbeantragt werden/zur Verfügung stehen. Voraussetzung dafür ist, dass entsprechend Bewusstsein bei den Beteiligten dafür geschaffen worden ist. Denn ob das für die prekär arbeitenden WiMis & die von der Situation schon entfernten Profs auf dem Schirm haben und ob die Verwendungsrichtlinien der Fördermittelgeber das überhaupt zulassen, steht auf einem anderen Blatt – ich kenne Fälle, in denen Bewirtung z. B. explizit bei Tagungsmitteln ausgeschlossen ist (ein Hoch auf das gute BYOB?!). Insofern muss diese Position der angemessenen Vergütung bei zukünftigen Anträgen dieser Art mit Nachdruck vertreten, mit Schärfe argumentiert werden, sonst gesellen wir zu Gratisbüchern, Gratisartikeln, Gratisrezensionen, Gratisgutachten auch noch Gratisblogs. Und vertreten müssen diese auch die gesettelten Profs, nicht nur die prekär Beschäftigten. Denn dass Leistung angemessen bezahlt gehört, ist unabhängig vom Status. Wir haben uns nur schon zu sehr an die gegenwärtigen Zustände gewöhnt – ich sag nur Druckkostenzuschüsse & Lehraufträge!

    Dass der Wissenschaftsbetrieb durch viel zu viel niedrig vergütete oder gratis Leistung aufrecht erhalten wird, muss ich hier nicht ausbreiten. Aber gerade beim Wissenschaftsbloggen gibt es soviele andere Möglichkeiten Reichweite zu bekommen, wie du schreibst, so dass es sehr fraglich ist, ob die Beteiligung am DH-Blog wirklich lohnt. Wenn man das mal durchdenkt: Lohnt sich nicht für Freiberufler*innen, die die Zeit vergüteten Tätigkeiten abknapsen müssen. Lohnt sich nicht für die obere Nahrungskette, die die Zeit nicht-vergüteten, aber anderen ihrem Status entsprechenden Tätigkeiten abknapsen müssen. Lohnt sich nicht für die untere Nahrungskette, die sich auf den befristeten Stellen zerreißt und sich die Zeit eig. nicht nehmen darf. Denn: Reichweite und Vernetzung sind ein vorsichtig zu benutzendes Argument! Du hast das oben schon gut beschrieben, ich will nur noch hinzufügen: Es müssen auch „die Richtigen“ erreicht werden! In puncto wiss. Karriere: Ich hatte schon sehr, sehr viele Vorstellungsgespräche für wiss. Anstellungen. Meine Blogs/Blogartikel waren genau zwei Mal Thema, einmal davon ganz eindeutig im Sinne von „Wieviel unnütze Zeit kostet Sie das in der Woche?“ Ginge ich beim Reichweiten-/Vernetzungsargument nur nach dem Nutzen wie es dem „wiss. Nachwuchs“ permanent nahe gelegt wird (= unbefristete Anstellung), es wäre für mich augenblicklich gestorben.

    • Angelika Schoder Autor des BeitragesAntworten

      Liebe Karoline,

      wow, quasi ein ganzer Gastbeitrag hier als Kommentar. Danke für dein Feedback!

      Prof. Kohle hatte auf Gastbeiträge für arthistoricum schon vor einigen Wochen bei Twitter hingewiesen und auch da gab es schon eine Diskussion um das Thema Honorar. Viele, die sich jetzt an der Twitter-Debatte beteiligten, diskutierten auch damals schon mit. Ihm kam sicher nicht in den Sinn, dass sein Erinnerungs-Tweet jetzt wieder Reaktionen hervorruft – erst recht nicht in noch größerem Umfang und mit noch mehr Diskussionsteilnehmern.

      Sicher, wie das bei Twitter so üblich ist, wurde viel überspitzt, ironisiert, ein Stück weit Verständnislosigkeit auf allen Seiten (oder fast schon Fronten). Ich weiß nicht, ob am Ende wirklich Verständnis dafür geschaffen wurde, dass wenn schon ein DFG-Projekt Mittel einwirbt, warum dann nicht auch Autorenhonorare mit eingeworben werden. Ein solches Projekt lebt ja nicht nur von der Infrastruktur, sondern wird erst durch Inhalte interessant, die im Idealfall auch ein größeres Publikum anziehen, als nur eine kleine Fach-Community.

      Zur Wahrnehmung von Wissenschaftsblogs muss ich immer wieder an Anne Baillots #wbhyp-Beitrag denken (http://digitalintellectuals.hypotheses.org/2448). Der Beitrag stammt aus dem Jahr 2015 und sie schreibt hier: „Wenn ich den Wert in die Waage lege, der den unterschiedlichen digitalen Veröffentlichungsformaten beigemessen wird, komme ich auf folgendes Ergebnis: Bloggen: Null, Tendenz Minus“. Du bestätigst das jetzt wieder – über 2,5 Jahre später. Natürlich kann man durch die Publikation von Online-Texten Reichweite erzielen, sich vernetzen und sich einen Namen als Experte machen. Aber warum sollte man es denn in einem Wissenschafrsportal tun, wenn sich die gleichen Anreize auch bei zig anderen Plattformen bieten? Wenn online publizierte Inhalte in bestimmten Fachkreisen ohnehin kritisch beäugt werden, dann ist es auch fast egal, was in der URL steht. Vielleicht sollten sich die Anbieter dieser Plattformen (arthistoricum ist ja nur eine von vielen) daher bewusst machen, dass die Produzenten von qualitativ hochwertigem Content nicht mehr auf sie angewiesen sind. Also müsste ein Anreiz geschaffen werden – z.B. in Form eines Honorars. Denn sie sind sehr wohl auf Inhalte anderer angewiesen, sonst könnten sie ihre Plattformen auch gerne einfach selbst befüllen. Ist doch auch schön!

      Viele Grüße, Angelika

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